Samstag, 27. Oktober 2012

Ⓡⓔⓐⓓ "Der alte König in seinem Exil" von Arno Geiger

Hier ist mal etwas tiefgründigeres für euch: Ich habe eine Rezension ausgegraben, die ich letztes Jahr für ein Seminar geschrieben hatte. Der alte König in seinem Exil ist ein brührendes Buch, das liebevoll die Themen Alzheimer und Familie behandelt und von mir eine klare Leseempfehlung erhält.

Erscheinungsdatum: Februar 2011
Seiten: 188 Seiten
Design: Gebunden
Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-23634-9



Ⓛⓘⓔⓑⓛⓘⓝⓖⓢⓩⓘⓣⓐⓣ

“Für den Vater ist seine Alzheimererkrankung bestimmt kein Gewinn, aber für seine Kinder und Enkel ist noch manches Lehrstück dabei. […] Und wenn es einmal so ist, dass der Vater seinen Kindern sonst nichts mehr beibringen kann, dann zumindest noch, was es heißt, alt und krank zu sein.” (S. 136)

Ⓗⓐⓝⓓⓛⓤⓝⓖ

Arno Geiger hat ein tief berührendes Buch über seinen Vater geschrieben, der trotz seiner Alzheimerkrankheit mit Vitalität, Witz und Klugheit beeindruckt. Die Krankheit löst langsam seine Erinnerung und seine Orientierung in der Gegenwart auf, lässt sein Leben abhandenkommen. Arno Geiger erzählt, wie er nochmals Freundschaft mit seinem Vater schließt und ihn viele Jahre begleitet. In nur scheinbar sinnlosen und oft so wunderbar poetischen Sätzen entdeckt er, dass es auch im Alter in der Person des Vaters noch alles gibt: Charme, Witz, Selbstbewusstsein und Würde. Arno Geigers Buch ist lebendig, oft komisch. In seiner tief berührenden Geschichte erzählt er von einem Leben, das es immer noch zutiefst wert ist, gelebt zu werden.


Ⓜⓔⓘⓝⓔ Ⓜⓔⓘⓝⓤⓝⓖ

Die Werke des österreichischem Autors Arno Geiger wurden 2011 mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet, weil seine Werke einen hohen moralischen und sozialen Wert aufweisen. Zu diesen gehören der Erinnerungs- und Familienroman Es geht uns gut (2005), der Prosaband Anna nicht vergessen (2007), der Eheroman Alles über Sally (2010) und auch sein neustes Werk Der alte König in seinem Exil, welches auf eine Gattungsbezeichnung verzichtet und in dem Arno Geiger die berührende Lebensgeschichte seines Vaters August erzählt.

            August Geiger wurde als drittes von zehn Kindern in Wolfurt geboren, wo er als Sohn von  Kleinbauern aufwächst und mit siebzehn Jahren in den Krieg geschickt wird, an die Ostfront. Dort gerät er in Kriegsgefangenschaft, erkrankt und kehrt schließlich in sein Heimatdorf zurück. Er arbeitet als Beamter in der Gemeindeverwaltung, baut ein Haus, heiratet und bekommt vier Kinder. Er schwört sich seine Heimat niemals mehr zu verlassen. Bis er diese eines Tages nicht mehr erkennt. August Geiger erkrankt an Demenz. In  Der alte König in seinem Exil schildert Arno Geiger das Leben seines Vaters, wobei er aber den Fokus auf dessen Krankheit legt und wie sein Vater, seine Familie und vor allem er selbst damit umgeht. Sechs Jahre lang hat er an diesem Werk gearbeitet und es steckt ein Stück von ihm selbst darin. Er gibt viel Persönliches über sich selbst preis, über seine Vergangenheit und sein derzeitiges Leben.

            Arno Geiger ist keinesfalls der erste Autor, der seine Erfahrungen mit einem an Demenz erkrankten Familienmitglied literarisch verarbeitet, aber er stellt diese auf eine besondere Weise dar. Er wählt seine Worte mit Bedacht, versucht die Krankheit detailliert und verständlich zu vermitteln, jedoch vor allem ist er darum bemüht seinem Vater gerecht zu werden. Besonders gelingt ihm dies in den Interviews mit August, die zu Beginn jedes Kapitels aufgeführt sind. Trotz Verlust von Orientierung und Erinnerung, geht die Würde und Persönlichkeit des Vaters, sein Charme, Witz und Intelligenz nicht verloren. Andererseits hätte sich Geiger seine mal mehr, mal weniger passenden philosophischen Ergüsse, die sich durch das ganze Buch ziehen, auch sparen können, denn es kommt auch bestens ohne sie aus.

Der alte König in seinem Exil ist kein komplexes Werk. Es ist nicht originell. Es ist nicht spannend, an manchen Stellen etwas langatmig. Aber es besitzt ganz viel Gefühl und Persönlichkeit, ohne dabei zu sentimental oder gar schnulzig zu wirken. Wer dramatische Gefühlsausbrüche erwartet, wird enttäuscht. Denn diese werden subtil zum Ausdruck gebracht, was sie umso tiefgründiger erscheinen lässt. Zwar behandelt das Buch ein ernstes Thema, es will über Demenz und den Umgang mit der Krankheit informieren, jedoch bleibt auch der Humor nicht auf der Strecke. Der Leser leidet mit, wenn Geiger fragt: „Papa, weißt du überhaupt, wer ich bin?“ (S. 74) und August seinen eigenen Sohn nicht mehr erkennt, er schmunzelt aber auch über dessen Antwort „Als ob das so interessant wäre“ (S. 74).

Im Vordergrund allerdings steht die Beziehung zwischen Arno Geiger und seinem Vater. Nach Jahren der Entfremdung, nähern sich die beiden wieder an, Geiger lernt seinen Vater erneut kennen, bevor dieser ihn nicht mehr erkennen kann. Für den Vater ist seine Alzheimererkrankung bestimmt kein Gewinn, aber für seine Kinder und Enkel ist noch manches Lehrstück dabei. […] Und wenn es einmal so ist, dass der Vater seinen Kindern sonst nichts mehr beibringen kann, dann zumindest noch, was es heißt, alt und krank zu sein.“ (S. 136). So wie die Erkrankung ein Lehrstück für Augusts Enkel und Kinder ist, so ist dieses Buch ein Lehrstück für den Leser. Denn es lehrt uns den Moment zu schätzen, sich um einen geliebten Menschen zu kümmern, bevor dieser für immer verlorengeht. 
 
Ⓕⓐⓩⓘⓣ

Das Werk berührt, wühlt den Leser auf und obwohl die Heilung von Alzheimer noch aussichtlos erscheint, legt man das Buch nicht betrübt und hoffnungslos aus den Händen, sondern mit Zuversicht. Lesern, die eine tiefgründige Lektüre mit viel Gefühl und einer Prise Humor suchen, ist Der alte König in seinem Exil wärmstens zu empfehlen.
Deshalb erhält das Buch von mir vier Bananen:

 

©Hanser
Cover und Inhaltsangabe siehe

- Sarah

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen